15.10.2026
Fachgespräch: Alleinerziehende brauchen Anlaufstellen vor Ort
Anlaufstellen für Alleinerziehende sind eine Struktur, um Alleinerziehendenfamilien zu informieren, sie zielgerichtet zu unterstützen und Armut zu schützen. Mehr als 100 Fachkräfte haben an unserem Online-Fachgespräch "Anlaufstellen für Alleinerziehende" teilgenommen. Im Fachgespräch der Landesfachstelle Alleinerziehende haben sie konkrete Impulse für den Aufbau und die Weiterentwicklung von Angeboten für Alleinerziehende erhalten.
Wie können Kommunen Alleinerziehende zuverlässig erreichen, beraten und an passende Hilfen weiterleiten? Diese Frage stand im Mittelpunkt unseres Online-Fachgesprächs „Anlaufstellen für Alleinerziehende“. Mehr als 100 Fachkräfte nahmen teil. Sie kamen aus Beratungsstellen, Kommunen, Jugendhilfe und weiteren Einrichtungen, die mit Alleinerziehenden arbeiten.
Alleinerziehende tragen oft Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Haushalt allein. Viele brauchen schnelle Orientierung, Unterstützung bei finanziellen Fragen und Hilfe bei Trennungskonflikten. Staatliche Leistungen kommen jedoch noch zu selten bei ihnen an. Der aktuelle NRW-Familienbericht zeigt zudem, dass strukturelle Barrieren den Zugang zu passenden Hilfen erschweren. Der VAMV NRW fordert deshalb seit April 2026 in einer Resolution eine zentrale Anlaufstelle für Alleinerziehende in jeder Kommune.
Drei Merkmale erfolgreicher Anlaufstellen
Das Team des VAMV NRW hat zehn Anlaufstellen für Alleinerziehende in NRW besucht. Janine vom Stein von der Landesfachstelle Alleinerziehende stellte die Ergebnisse dieser Besuche vor. Danach zeichnen sich erfolgreiche Anlaufstellen durch drei zentrale Merkmale aus:
- Sie machen ihr Angebot sichtbar und schaffen niedrigschwellige Zugänge.
- Sie bieten eine Erstberatung für Alleinerziehende in unterschiedlichen und oft komplexen Lebenslagen.
- Sie vermitteln gezielt an passende Beratungs- und Hilfsangebote.
Ute Zimmermann von der Landesfachstelle Alleinerziehende sprach im Anschluss mit sechs Beraterinnen aus verschiedenen Anlaufstellen. Das Gespräch zeigte, wie diese Merkmale in der Praxis umgesetzt werden. Die Fachkräfte berichteten von ihren Aufgaben, notwendigen Qualifikationen und den Rahmenbedingungen für erfolgreiche Arbeit. Dazu gehören eine gesicherte Finanzierung, ausreichend Zeit und Personal sowie geeignete Räumlichkeiten.
Sichtbar werden und Familien erreichen
Im ersten Themenblock ging es um Öffentlichkeitsarbeit und niedrigschwellige Zugänge. Karolina Wagenbach von ZentralE Köln und Angelika Platzen von EFUS im Kreis Kleve stellten Strategien vor, mit denen Angebote Alleinerziehende erreichen, die klassische Beratungswege selten nutzen. Angelika Platzen von EFUS (Einelternfamilien fördern und stärken) im Kreis Kleve berichtete über mobile Beratungsangebote in 16 Kommunen. Persönlicher Kontakt und enge Vernetzung vor Ort seien dabei oft wirksamer als Flyer oder eine Website allein.
Zusätzlich bietet EFUS finanzielle Stützunterstützung in akuten Notlagen an. Dazu gehören beispielsweise Hilfen bei Stromrechnungen, der Anschaffung einer Waschmaschine oder der Zahlung einer Kaution. Solche kurzfristigen Unterstützungen können verhindern, dass sich schwierige Lebenslagen weiter verschärfen.
Niedrigschwelligkeit und multiprofessionelle Beratung
Karolina Wagenbach vom Zentrum für alleinerziehende Eltern in Köln (ZentralE) stellte das seit 2020 bestehende, niedrigschwellige Beratungsangebot vor. Es umfasst offene Sprechstunden von montags bis donnerstags, eine WhatsApp-Beratung. Wichtig war ihr der Hinweis, dass bei allen Angeboten immer eine Kinderbetreuung mit angeboten wird. Die Kölner ZentralE arbeitet mit einem multiprofessionellen Team. Fachkräfte aus unterschiedlichen Bereichen bringen so verschiedene Perspektiven und Kompetenzen in die Beratung ein.
Erstberatung in Multiproblemlagen
Im zweiten Block stand die Erstberatung im Mittelpunkt. Birgitt Seifarth vom VAMV Aachen, Katrin Hörnemann von In Via Dortmund und Sabrina Beerenberg vom SkF Dortmund erläuterten, welches Wissen Fachkräfte benötigen. Sie machten deutlich, dass sie mindestens 1-1,5 Stunden für eine Erstberatung vorsehen, um den Ratsuchenden die Zeit zu geben, die sie brauchen, um Vertrauen aufzubauen und komplexe Problemlagen zu besprechen. Empathie, Sensibilität für die Lebenslage und eine offene Haltung seien zentrale Voraussetzungen für die Beratungstätigkeit. Sie beraten zu Fragen aus verschiedenen Lebensbereichen, etwa Geld, Trennung, Kindesunterhalt, Wohnen, Kinderbetreuung oder Leistungen. Oft genügen bereits ein bis zwei konkrete Antworten, damit Alleinerziehende den nächsten Schritt gehen können. Wichtig sind daher Grundkenntnisse in mehreren Rechtsbereichen und vor allem das Verständnis für die Lebenslage Alleinerziehender.
Sicher lotsen im lokalen Hilfesystem
Im dritten Block ging es um Verweisberatung. Belma Idrizi von der Anlaufstelle für Alleinerziehende in Mülheim an der Ruhr und Marion Arens von der Lotsenstelle für Alleinerziehende in Bielefeld zeigten, wie Anlaufstellen als Lotsen funktionieren: Sie helfen Alleinerziehenden, im oft unübersichtlichen Hilfesystem anzukommen und die richtige Unterstützung zu finden. Sie kennen die lokalen Angebote, wissen, welche Stelle für welches Anliegen zuständig ist, und ermöglichen den Zugang dorthin. Dafür brauchen Fachkräfte ein gutes Netzwerk, laufende Kontakte zu anderen Beratungsstellen und permanent Zeit, um dieses Netzwerk zu pflegen.
Impulse für Aufbau und Weiterentwicklung
Das Fachgespräch richtete sich an Fachkräfte, die bestehende Angebote für Alleinerziehende weiterentwickeln möchten. Es gab zugleich konkrete Impulse für alle, die ein solches Angebot neu aufbauen wollen. Die Beiträge zeigten: Anlaufstellen wirken, wenn sie leicht erreichbar sind, schnell Orientierung geben und verlässlich weitervermitteln. Der VAMV NRW wird die Ergebnisse nutzen, um den landesweiten Ausbau von Anlaufstellen für Alleinerziehende weiter voranzubringen.